Bleibt wach, Bleibt wach, Bleibt wach, Bleibt wach Wie die Politiker das Volk verarschen: Wer schützt uns vor der IAEO?
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Wer schützt uns vor der IAEO?

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Wer schützt uns vor der IAEO?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO übt sich in vornehmer Zurückhaltung, wenn es um Strahlenrisiken
geht. Das hat seinen Grund: Die WHO liess sich von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO)
einen Maulkorb verpassen.
Prof. Dr. med. Michel Fernex, Postfach 167,CH-4118 Rodersdorf
Die Verfassung der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO1 definiert 22 Pflichten, damit die Institution ihre
medizinischen Ziele überhaupt erreichen kann. Unter anderem heisst es in der WHO-Verfassung:
• «Umfassende Aufklärung, Ratschläge und Unterstützung im Bereich der Gesundheit.»
• «Förderung einer klaren Meinungsbildung in der Bevölkerung betreffend der Gesundheitsprobleme,
basierend auf einer aufgeklärten Öffentlichkeit.»
Im Rahmen dieser Richtlinien fand im August 1956 eine Konferenz statt, an der 20 namhafte Genetiker
ihre Befunde darlegten, um vor den Konsequenzen der sogenannt friedlichen Nutzung der Atomenergie zu
warnen. Schon damals war bekannt, dass ionisierende Strahlung bei vielen Lebewesen – von Bakterien
bis zu den Säugetieren – Mutationen hervorruft.2 In ihrer gemeinsamen Stellungnahme schrieben die
Genetiker: «Das Erbgut ist das wertvollste Eigentum der Menschen. Es bestimmt das Leben ihrer
Nachkommenschaft, die gesunde und harmonische Entwicklung der künftigen Generationen. Wir als
Gruppe behaupten, dass die Gesundheit der künftigen Generationen durch die zunehmende Entwicklung
der Atomindustrie und Strahlungsquellen gefährdert ist. (…) Wir sind auch der Meinung, dass neue
Mutationen, die bei Menschen auftreten, für sie selbst wie für ihre Nachkommen schädlich sein werden.»2
Der Genetiker und Nobelpreisträger Prof. H. J. Müller erwähnte an dieser Konferenz Experimente mit sehr
kleinen Strahlendosen, die bezüglich der Dosiswirkungsrelation zu überraschenden Ergebnissen geführt
hatten. Seither sind zahlreiche Arbeiten über die schädlichen Effekte niedriger Strahlendosen publiziert
worden, die mit Experimenten zeigten, dass sehr kleine Dosen überproportionale
Schädigungen auslösen.3,4 ,5
Die Publikation zu dieser WHO-Tagung sowie die Stellungnahmen des ersten Weltkongresses für
Genetik, der im selben Jahr in Dänemark stattfand, sorgten bei der Internationalen
Atomenergieorganisation (IAEO) für Unruhe. Die IAEO war offiziell gegründet worden, um weltweit die
Sicherheit im Nuklearbereich zu überwachen und zu kontrollieren, sie setzt sich jedoch auch explizit für
die Förderung der kommerziellen Atomindustrie ein. In ihren Statuten – die 1996 in Wien wieder zitiert
wurden – heisst es: Das Hauptziel der IAEO ist «die Beschleunigung und die Förderung der Atomindustrie
für den Frieden, für die Gesundheit und für das Wohlbefinden in der ganzen Welt».6 Fast nebenbei wird in
diesem Text betont, dass die IAEO auch für Gesundheitsfragen im Bereich der Atomindustrie zuständig
sei.
Nach 1958 zwang nämlich die IAEO die WHO durch Verhandlungen zum Schweigen, 1959 wurde diese
Vereinbarung in einem Abkommen zwischen den beiden UN-Organisationen fest geregelt. Seither werden
die gesundheitlichen Risiken, die die kommerzielle Nutzung der Atomenergie allenfaslls mit sich bringt,
vom Nuklearpromotor selbst «überwacht» beziehungsweise «erforscht» – und nicht mehr von
unabhängigen medizinischen Behörden. Das Abkommen verfügt implizit, dass Forschungsprojekte –
deren Resultate potentiell die Förderung der Atomindustrie behindern könnten – entweder gar nicht oder
nur noch von der IAEO gemeinsam mit der WHO durchgeführt werden. Die IAEO fürchtet zurecht, dass
sich ein aufgeklärtes Publikum der Atomenergie entgegenstellen könnte, und legt deshalb im erwähnten
Abkommen fest: «Die IAEO und die WHO sind sich bewusst, dass es notwendig sein könnte, restriktive
Massnahmen zu treffen, um den vertraulichen Charakter gewisser ausgetauschter Informationen zu
wahren (…).» Dabei geht es vor allem darum, dass als vertraulich deklarierte Daten, die zwischen den
beiden Organisationen ausgetauscht werden, auch wirklich geheim bleiben.7
Diese Verpflichtung zur Vertraulichkeit verstösst jedoch gegen die Statuten der WHO, die eine aufgeklärte
Öffentlichkeit verlangen. Es bedeutet letztlich auch nichts anderes, als dass gemäss diesem IAEO-WHOAbkommen
die Weltbevölkerung betreffend Nuklearrisiken offensichtlich vor der Wahrheit geschützt
werden muss. Für die programmierten bevorstehenden Atomindustrieunfälle verheisst das: Die
Bevölkerung wird noch schlechter informiert und noch schlechter geschützt als es schon bei Tschernobyl
der Fall war – weil es primär darum geht, die AKW-Betreiber vor Schadenersatzforderungen zu schützen.8
Parallelen zur Contergan-Affäre
Nach der Einführung von Thalidomid – ein Schlafmittel und Tranquilizer (bekannt unter dem
Produktenamen «Contergan») – trat Anfang der sechziger Jahre eine Epidemie von Missbildungen bei
Neugeborenen auf. Ihre Mütter hatten während der Schwangerschaft Thalidomid eingenommen.
Thalidomid wirkt bei Insekten, Vögeln und Säugetieren teratogen (aber nicht mutagen), das heisst, es
verursacht bei Embryonen in bestimmten Entwicklungsphasen Missbildungen. Die Thalidomid-
Embryopathie, die am häufigsten gekennzeichnet ist durch fehlende Glieder (Amelie oder Phocomelie),
war allgemein bekannt. Medizinische Experten behaupteten jedoch in Publikationen9 wie vor Gericht, es
sei in keinem der zirka 5 000 Fälle ein kausaler Zusammenhang zwischen der Thalidomid-Einnahme und
der Missbildung beweisbar. Ihr Hauptargument: «Es existiert kein Missbildungsregister, das es
ermöglichen würde, statistisch zu beweisen, dass das Thalidomid die verursachende Substanz ist.»
Trotz des Freispruchs der Firma durch die Richter hat die Food and Drug Administration (FDA) in den USA
(wo Contergan allerdings gar nie zugelassen war) danach sehr strenge Regelungen eingeführt, die
weltweit übernommen worden sind: Substanzen müssen vor der klinischen Prüfung auf Teratogenizität,
Karzinogenizität und besonders auf Mutagenizität getestet werden. Neue Medikamente, aber auch
Insektizide, die im Bakterienmodell oder Zellkulturtest mutagene Eigenschaften aufweisen, werden
eliminiert.
Würden dieselben Regeln, die für die chemische Industrie gelten, auch auf die Atomindustrie angewendet,
liesse dies nur einen Schluss zu: Alle Atomanlagen müssten sofort stillgelegt werden – da alle Stadien von
der Uranextraktion, über die Energieproduktion, bis hin zur Atommülldeponie mit der Freisetzung von
mutagenen Radioisotopen verbunden sind.
Frisierte Studien
Die Atomlobby hindert jedoch WissenschaftlerInnen, auf diesem Gebiet zu forschen und zu publizieren,
sofern ihre Ergebnisse nicht «günstig» ausfallen. J.-F. Viel10, Professor für Epidemiologie, beschreibt, wie
man jedoch auf Wunsch «günstige» Forschungsresultate produzieren kann11: Es gibt Methoden, die es
erlauben, willkürlich negative Ergebnisse zu erzielen, indem man methodologische Fehler in die
Forschungsprotokolle einbaut. Indem man sich beispielsweise – wenn man die Krebshäufigkeit studieren
möchte – nur auf die Mortalität (Anzahl Todesfälle) abstützt und nicht die Morbidität (Anzahl
Erkrankungen) in einem Beobachtungszeitraum von beispielsweise zehn Jahren untersucht (siehe
«Statistische Mogeleien»). Betrachtet man nur die Mortalität, erhält man Daten, die keinen statistischsignifikanten
Unterschied zwischen Strahlenexponierten und Nichtexponierten nachweisen lassen – mit
der Morbidität könnte es jedoch ganz anders aussehen.
Mit «methodologisch frisierten» Studien können die Atombefürworter dann behaupten, es sei nichts
Beunruhigendes, zum Beispiel keine erhöhte Leukämierate, gefunden worden. Und die AKW-Promotoren
benutzen sie, um weitere Atomkraftwerke zu propagieren.
Studien bedürfen stets grosser finanzieller Unterstützung. Deshalb meiden die WissenschaftlerInnen das
heikle Gebiet «Strahlenrisiko», um sich keinen beruflichen Schwierigkeiten auszusetzen. Die Internationale
Atomenergieorganisation (IAEO) hat dafür gesorgt, dass dies so läuft und dass es auch in Zukunft so
laufen wird. Sie weiss sich von den nationalen Instanzen und Nuklearlobbies unterstützt. In Frankreich
übte beispielsweise der frühere Direktor der französischen Electricité de France, M. Boiteux, der die ganze
AKW-Entwicklung leitete, einen starken Einfluss auf die nationalen Gremien (C.N.R.S.) aus, die die
Forschungsstipendien verteilen.
Hartnäckige WissenschaftlerInnen
Einigen wenigen, hartnäckigen, unabhängigen ForscherInnen ist es zu verdanken, dass inzwischen
trotzdem statistisch gesicherte Daten über die Zunahme von Krebs und Leukämie im Umkreis von
Atomanlagen vorliegen.
Auch über die medizinischen Folgen von Tschernobyl existieren – dank der beharrlichen Arbeit vor allem
weissrussischer WissenschaftlerInnen – inzwischen mehrere Untersuchungen, deren Ergebnisse
erschrecken. Die Krebsrate wie die genetischen Mutationen (vgl. nachfolgenden Text «Tschernobyl wütet
im Erbgut») sind bereits statistisch signifikant angestiegen. Die IAEO und die WHO akzeptieren jedoch nur
die Häufung von Schilddrüsenkrebs als Folge von Tschernobyl.
In Weissrussland beobachtet man aber noch ganz andere Schädigungen, über die kaum berichtet wird:
Zum Beispiel haben die Autoimmunkrankheiten, wie durch Insulinmangel bedingte Zuckerkrankheit
(besonders bei Kindern) und andere endokrine Störungen massiv zugenommen. Man stellt zudem
Krankheitssyndrome wie neuropsychiatrische Krankheiten und Kardiomyopathien bei Jugendlichen fest.
Diese Syndrome sind darauf zurückzuführen, dass in den Hirnzellen oder im Myokard das Kalium durch
Cäsium-137 ersetzt wird, was zu Zellmembran-Dysfunktionen führt.12
Die WHO hält sich aber trotz all diesen aufrüttelnden Erkenntnissen an das von der IAEO verordnete
Schweigen. Über genetische Schäden nach Tschernobyl darf nicht die Rede sein.
1 Documents Fondamentaux, 40e édition, OMS, Genève 1994
2 Effets génétiques des radiations chez l’homme. pp. 184, OMS Palais des Nations Genève, 1957
3 Petkau A.: Radiation effects with a model Lipid Membrane. Canadian J. of Chemistry, Vol. 49, p. 1187-1196,
1971
4 Burlakowa E.B.: Kleine Strah-lungsdosen, Wirkungsgesetzmäs-sigkeit und Risiko. Die wichtigsten
wissenschaftlichen Referate, International Congress «The World after Chernobyl», Minsk, 1996, p105-
108/Low intensity radiation: radiological aspects. Radiation protection Dosimetry, Vol 62, No 1/2 p. 13-18,
1995; Nuclear Technology Publishing, 1995
5 Stewart A.M. : Low Dose Radiation: The Hanford Evidence, Lancet, No 8072, p. 1048-1849, 1978
6 One Decade After Chernobyl. Summing up the Consequences of the Accident, Building of the IAEA,
Proceedings of an International Conference, Vienna,
pp 555, 8.-12. April 1996
7 Die zitierten Paragraphen des Abkommens findet man in den «Documents de Base», vgl. Fussnote 1
8 Permanentes Völkertribunal. Tschernobyl. Auswirkung auf Umwelt, Gesundheit und Menschenrechte, Wien,
Österreich, 12-15. April 1996. Buch erhältlich bei der Bundesarbeits-gemeinschaft «Den Kindern von
Tschernobyl in Deutschland e.V.», ESG-Haus, Breul 43, 48143-Münster; Fax.: +49- 2501-27417.
9 Hartlmaier K.M.: Es geht nicht nur um Contergan. Am 1. Mai beginnt der grosse Prozess – Er betrifft
grundsätzliche Fragen. Zahnärztliche Mitteilungen, Nr. 9, p 427-429, 1968
10 Viel publizierte 1997 eine aufsehenerregende Studie über Leukämie in der Umgebung von La Hague;
Viel J.F., Pobel D. (1997): Case control study of leukaemia among young people near La Hague nuclear
reprocessing plant: the environmental hypothesis revisited, in British Medical Journal, 314, p. 101–106
11 Viel J.F., Conséquences des essais nucléaires sur la santé: quelles enquêtes épidémiologiques?
Médecine et guerre Nucléaire, Vol. 11, p 41-44, janv.-mars 1996/Monographie à paraître à «La Découverte»
en février 1998
12 Bandazhevsky Y.I. & Lelevich V.V.: Clinical and experimental aspects of the effect of incorporated
radionucleides upon the organism. Monography, Gomel State Medical Institute, p. 128, 1995

Tschernobyl wütet im Erbgut
Zwölf Jahre nach Tschernobyl weiss man: Niedrige Strahlendosen wirken auf das Erbgut weit
verheerender, als die offiziellen Behörden glauben machen.
Prof. Dr. med. Michel Fernex
Seit Anfang der achtziger Jahre werden in Weissrussland zehn verschiedene Missbildungen bei
Neugeborenen systematisch und obligatorisch auf nationaler Ebene registriert. Prof. Lazjuk publizierte
1994 und 19951,2 Daten, die eine statistisch signifikante Zunahme der Missbildungsrate bei Neugeborenen
der Nach-Tschernobyl-Generation belegt. Lazjuk untersuchte ein Gebiet, das durch den GAU mit Cäsium-
137 verseucht wurde, und verglich die Daten von 1988 bis 1992 mit Daten vor dem GAU (1982 bis 1987).
Die Zunahme der Missbildungsrate hing proportional mit der Cäsium-137-Kontamination des Bodens
zusammen: Anstieg der Missbildungen um 39% bei einer Verseuchung von weniger als 1 Curie pro
Quadratkilometer (Ci/km2), ein Anstieg um 44% bei 1-15 Ci/km2 und eine Zunahme um 79% in Gebieten
mit mehr als 15 Ci/km2.
Kaum eine weissrussische Region blieb vom Tschernobyl-Fallout verschont, ferner spielt die inkorporierte
chronische Radionuklidbelastung der EinwohnerInnen eine immer bedeutsamere Rolle: Wasser sowie
viele Nahrungsmittel, die dort konsumiert werden, sind mit Strontium-90, Cäsium-137 und zahlreichen
anderen Radionukliden verseucht.
Die Missbildungen, die statistisch signifikant häufiger auftreten, sind Anencephalie, Spina bifida,
Polydactylie, Gliedermissbildung bzw. fehlende Glieder sowie multiple Missbildungen. Es handelt sich
vorwiegend um teratologische Strahlungsschäden, während Polydactylie häufiger auf eine dominante
Mutation zurückzuführen ist. Auch multiple Missbildungen beruhen zum Teil auf solchen Mutationen.
In der ersten Generation kommen die dominanten Mutationen zum Ausdruck, wobei die meisten im frühen
Embryonalstadium letal verlaufen und somit nicht erfasst werden. Die viel häufigeren rezessiven
Mutationen wirken sich vorwiegend in den folgenden Generationen aus, weshalb sie nach dem GAU noch
nicht beim Menschen, sondern erst bei Säugetieren, Vögeln, Fischen und Insekten festgestellt werden
können, da diese eine viel kürzere Generationenabfolge aufweisen.
Sinkende Geburtsraten
In einer Fischzucht 200 Kilometer von Tschernobyl entfernt entstehen nur noch aus 30% der befruchteten
Karpfeneier lebensfähige Larven – der grosse Rest stirbt ab.3 Beim Menschen können letale Mutationen
nur indirekt vermutet werden, zum Beispiel indem man den Rückgang der Natalität (Geburtsrate) mit einer
Abnahme der Fertilität (Fruchtbarkeit) in Verbindung setzt. Generell ist in Weissrussland die Geburtsrate
gesunken. In Gebieten mit einer Verseuchung von weniger als 1 Curie Cäsium-137/km2 liegt das Defizit
bei -10%, was sich durch die ungünstigen sozioökonomischen Verhältnisse im Lande erklären lässt. Mit
einer höheren Belastung der Umwelt durch Cäsium sind die Geburtsraten ca. um -20% gesunken und in
Gebieten mit mehr als 15 Ci/km2 um ca. minus ein Drittel – immer verglichen mit der Zeit vor Tschernobyl.
Die Missbildungsraten sind nach 1994 im ganzen Land weiter angestiegen. Bei Neugeborenen in
hochkontaminierten Gebieten ist fast eine Verdoppelung der Missbildungsrate aufgetreten.
Offensichtliche Fehlinformation
Professor Lazjuk schreibt: «Eines der ungelösten Probleme infolge der Tschernobyl-Katastrophe in
Belarus ist der Anstieg der Geburtenrate von Kindern mit angeborenen Entwicklungsfehlern, die die
zahlenmässig stärkste Gruppe bei menschlichen Erbkrankheiten darstellt. Dieses Problem beunruhigt die
Bevölkerung der Republik zutiefst und hat schwerwiegende Gründe. Die aus dem Reaktor ausgetretenen
Radionuklide (Cs-137 und Sr-90) tragen zur Schädigung der Erbanlagen bei (mutagener Effekt) und
stören die normale Organbildung (teratogener Effekt).»4
Internationale Behörden nehmen dieses Probleme nicht zur Kenntnis. Am internationalen Tschernobyl-
Kongress der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) 1996 in Wien kamen Genetiker aus Belarus
wie Professor Lazjuk nicht zu Wort. Die offizielle Sprecherin sagte, es sei nichts bekannt über eine
mögliche Zunahme von Missbildungen. Lächelnd erwähnte sie «anekdotische» Geschichten von
Schweinen mit zwei Köpfen. Sie behauptete, es existiere kein Register, das beweisen würde, dass die
Missbildungsraten nach Tschernobyl angestiegen sei. In der Thalidomidaffäre («Contergan», vgl.
vorangehender Beitrag «Wer schützt uns vor der IAEO?») wurde dasselbe Argument erfolgreich benutzt.5
Doch damals stimmte die Aussage, es gab kein Register. Im Zusammenhang mit Tschernobyl verfängt
dieses Argument aber nicht mehr, weil eben Weissrussland über ein ausgezeichnetes Register verfügt.
Diese offensichtliche Fehlinformation im Hauptreferat wurde an der IAEO-Konferenz nicht diskutiert, da
Vorträge über Krebs folgten und die anschliessende Diskussion der Dosimetrie gewidmet werden musste.
Seit Tschernobyl werden bei der Zellteilung im Kern grobe Anomalien sowie Chromosomenanomalien in
Blutzellen festgestellt.6 Diese Veränderungen treten vor allem bei Menschen auf, die in den radioaktiv
kontaminierten Gegenden arbeiteten. Aufgrund dieser Anomalien im Zellkern kann man retrospektiv
abschätzen, welcher Strahlendosis ein Mensch ausgesetzt war.7
Mutationen beim Kind beruhen meistens auf diskreten Anomalien im Bereich der DNA. Diese führen, wenn
sie im Bereich kodierender Abschnitte der DNA stattfinden, zur Substitution von Aminosäuren in
Eiweissmolekülen, bzw. Enzymen, und werden von Generation zu Generation übertragen. Dubrova und
Mitarbeiter8 haben das Blut von 79 Familien, die 250 Kilometer von Tschernobyl entfernt in
kontaminiertem Gebiet lebten, untersucht; sie nahmen dafür von Mutter, Vater und Kind Blutproben. Es
wurden dann die Minisatellit-DNA-Abschnitte der Eltern mit denjenigen der Kinder verglichen.
Die Frequenz der Mutationen in der Kontrollgruppe – die auf nicht-verseuchtem Gebiet lebte – entsprach
den bisherigen Befunden anderswo in der Welt, während in den 79 untersuchten Familien die
Mutationsrate doppelt so hoch war als in den Kontrollfamilien. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant.
In der Zeitschrift «Nature» kommentiert Hillis9 von der Universität Texas diese Arbeit sowie jene von Baker
und Mitarbeitern10 in einem Editorial, das mit folgender Aussage endet: «We now know that the mutational
effects of nuclear accidents can be much greater than suspected, and that evolutionary rates in at least
parts of eukariotic genomes can be raised well beyond levels previously considered possible.»
Mutationsraten wie bei Viren
Goncharova und Ryabokon11 haben zwischen 1986 und 1991 Feldmäuse in besiedelten, aber radioaktiv
verseuchten Gebieten Weissrusslands untersucht. In dieser Beobachtungsperiode sind 12 bis 18
Generationen von Feldmäusen zur Welt gekommen, während die Radioaktivität progressiv abnahm. Die
Forscherinnen stellten chromosomale Anomalien und Polyploidie in den Knochenmarkzellen der Nager
fest. Obwohl die Gesamtbestrahlung progressiv abnahm, haben die Chromosomenanomalien sowie die
Polyploidie der Knochenmarkzellen jährlich zugenommen, was gegen eine Anpassung an die
ionisierenden Strahlen spricht.
In zwei Feldmäusespezies, die in der Nähe von Tschernobyl leben, studierten Baker und Mitarbeiter12 die
Sequenz der DNA-Basen eines Genes, das die Synthese von Cytochrom b codiert. Dieses Gen wird allein
vom Muttertier auf den Embryo übertragen. Im Vergleich mit nichtbestrahlten Tieren, haben Baker und
Mitarbeiter bei den Föten eine ca. hundertfache Zunahme von ererbten Substitutionen im entsprechenden
Gen gefunden. So hohe Mutationsraten waren in der Zoologie bislang nicht bekannt; diese rasanten,
ständigen Mutationen könnte man höchstens bei gewissen Viren antreffen.
Schwächung der Vitalität
Einen eigentlichen Populationssturz hat ein schwedisches Team bei Rauchschwalben (Hirundo rustica)
beobachtet, die in der Gegend um den geborstenen Reaktor leben. Die Schweden studierten bei
strahlenexponierten Schwalben (wie Dubrova und Mitarbeiter bei Kindern in Mogilev), die Sequenz der
Basen in der DNA der Minisatelliten. Gleichzeitig untersuchte man Schwalben in nicht-kontaminierten
Gebieten in der Ukraine und in Italien. Die Autoren fanden dabei eine hoch signifikante Erhöhung der
Mutationsrate im Vergleich zu den nicht bestrahlten Schwalben. Ellegren und Mitarbeiter (1997) studierten
ferner die Überlebenschance der Schwalben mit Teilalbinismus – eine rezessive Anomalie der
Pigmentierung, die in der Umgebung von Tschernobyl häufig auftrat. Diese Schwalben, die an Kopf,
Rücken und Hals einige weisse Federn aufwiesen, waren unfähig, bis zur nächsten Brutzeit zu überleben
und konnten somit keinen Nachwuchs produzieren. Der Rauchschwalben-Bestand sinkt in der Umgebung
von Tschernobyl signifikant.13
Ähnliches fand man bei Karpfen in Weissrussland. Die industrielle Karpfenzucht spielt dort eine wichtige
ökonomische Rolle; die Zucht wird von VeterinärmedizinerInnen und BiologInnen systematisch überwacht.
Bei Karpfen, deren Weibchen bis zu einer Million Eier legen, wird zwar die Population zahlenmässig nicht
sichtbar schrumpfen, auch wenn 70% der Eier letale Anomalien aufweisen – wie es in der Zucht, die
Goncharova und Slukvin14 untersuchten, der Fall war. Diese Zucht liegt in einem mässig kontaminierten
Gebiet Weissrusslands (1-5 Curie Cäsium-137/km2). Die Wasserverhältnisse in der Zucht sind optimal
und der Boden wie der Schlamm im Weiher weisen nur sehr geringe Schwermetall- und
Pestizidkonzentrationen auf.
Goncharova und Slukvin untersuchten Chromosomenanomalien während der Entwicklung der Eier und bei
den Jungkarpfen; bei den jungen Fischen verfolgten sie zusätzlich noch die Missbildungen. Insgesamt
wurden 28 Typen von Missbildungen notiert, hinzu kamen 15 Mehrfachmissbildungen. Diese Anomalien
wurden im Sommer bei den Jungfischen und nochmals im Herbst notiert. Dabei stellten sie fest: Der
Prozentsatz der Missbildungen nimmt signifikant zu, wenn die Radioaktivität im Schlamm grösser ist.
Schwache Gamma-Strahlung aus dem Schlamm hat einen negativen Einfluss auf die morphologische
Entwicklung der Larven und der jungen Fische. Die AutorInnen haben erst 400 Kilometer von Tschernobyl
entfernt eine Zucht gefunden, wo die Mutationsrate noch gleich tief war wie vor der Katastrophe.
Missbildungen bei Insekten
Dass niedrige Strahlendosen Schäden verursachen, lässt sich jedoch nicht nur in den verseuchten
Gebieten von Tschernobyl feststellen: Cornelia Hesse15 zeigt, dass bei verschiedenen Insektenarten – vor
allem Blattwanzen –, die in der Umgebung von Nuklearanlagen leben, vermehrt feine Hautmissbildungen
sowie grobe Flügel- oder Körpermissbildungen auftreten. Eine Studie mit randomisierter Sammlung der
Insekten (man legt ein imaginäres Netz mit Quadraten von 1 km mal 1 km über das Untersuchungsgebiet,
in den jeweiligen Eckpunkten sammelt man die Insekten ein) ergab, dass die höchste Missbildungsrate
(18%) in der Nähe unserer normal funktionierenden AKW auftrat.
Viele Arbeitsgruppen interessieren sich zunehmend für die übertragbare Schwächung des Genoms durch
extrem kleine Strahlendosen. Morgan und Mitarbeiter16 haben 1996 das Problem der Genominstabilität
zusammengefasst: Sie vermuten anhand von schwachbestrahlten Zellen den Zusammenhang von
Krebsentwicklung mit diesen zeitlich verschobenen Mutationen, DNA-Schäden, Genverlusten und
Chromosomenaberrationen. Bei Zellteilungen werden zuerst keine DNA-Schäden festgestellt, doch die
Instabilität des Genoms führt nach mehreren Zellteilungen zu Chromosomen- oder DNA-Schäden. Es
könnte sich um eine Schwächung der Reparaturenzyme handeln, doch auch andere Mechanismen
werden für diese Instabilitäten verantwortlich gemacht. Diese Befunde müsste MedizinerInnen
veranlassen, mit den Risiken sehr niedriger Strahlendosen wesentlich vorsichtiger umzugehen.17
1 G.I. Lazjuk et al. in the Chernobyl papers, Vol. I, Doses to the Soviet population and early health effects studies, Ed. Mervin,
S.E. & Balanov, M.I., p 385-397. Research Entreprises, Cichland, W.A. 1993, zitiert von Ellegren H. et al 1997/Personal
Communication 1996
2 G.I. Lazjuk, I.A. Kirilova, D.L. Nikolaev, I.V. Novikova, Z.N. Fomina & R.D. Khmel: Radiation Protection Dosimetry Vol 62. No
1/2,pp 71-74 1995
3 A.M. Slukvin: Thesis im Druck. Institut für Genetik und Cytologie, Belarus Akademie der Wissenschaft, Minsk, 1997/Goncharova
und Slukvin, pers. communication 1997
4 G.I. Lazjuk, D.L. Nikolajev & U.W. Nowikowa: Dynamik der angeborenen und vererbten Pathologien in Folge der Katastrophe
von Tschernobyl, in: International Congress „The World after Chernobyl“, p. 123-131, Minsk 1996
5 vgl. Fussnote 8
6 vgl. Fussnote 12 und 14
7 J. Weber, W. Scheid, H. Traut: Biologische Dosimetrie zum Nachweis erhöhter Umweltstrahlenbelastung – Besonderheiten der
Alpha-Strahlung. Gesundheitliche Risiken und Folgen des Uranbergbaues in Thüringen und Sachsen. E. Lengfelder, S.
Pflugbeil, W. Köhlein (Hrsg.): Gesellschaft für Strahlenschutz e.V., 2. Jahrestagung, ISBN 3-8208-1259-8
7a. G. Mindek, C. Michel: Biological Dosimetry Investigations on 25 Persons from Luginy (formerly USSR). PSI Newsletter, Annual
Report 1991, Annex II (1991) pp. 93-94.
8 Y.E. Dubrova, V.N. Nesterov, N.G. Krouchinsky, V.A. Ostapenko, R. Neumann, D.L. Neil & A.J. Jeffreys: Human minisatellite
mutation rate after the Chernobyl accident, NATURE : Vol 380, p. 683-686, 25 April 1996
9 D.M. Hillis: Life in the hot zone around Chernobyl. NATURE Vol. 380 , p. 665-666, 25 April 1996
10 R.J. Baker, R.A. Van den Bussche, A.J. Wright, L.E. Wiggins, M.J. Hamilton, E.P. Reat, M.H. Smith, M.D. Lomakin & R.K.
Chesser: High levels of genetic change in Rodents of Chernobyl. Nature, Vpl 380, p. 707-708, 25. April 1996
11 R.I. Goncharova & N.I. Ryabakon: The levels of cytogenetic injuries in consecutive generations of bank voles inhabiting radiocontaminated
areas. Proceedings of the Belarus-Japan Symposium in Minsk. Acute and late Consequences of Nuclear
catastrophes: Hiroshima-Nagasaki and Chernobyl, p 312-321, Oct 3-5, 1994
12 vgl. FN 19
13 H. Ellegren, G. Lindgren, C.R. Primmer & Møller: Fitness loss and germline mutations in barn swallows breeding in Chernobyl.
NATURE, Vol 389 ; p 593-596, 9 October 1997
14 R.I. Goncharova & A.M. Slukvin: Study on Mutation and modification variability in young fishes of Cyprinus carpio from regions
contaminated by the Chernobyl radioactive fallout. 27-28 October 1994, Russia-Norvegian Statellite Symposium on Nuclear
Accidents, Radioecology and Health, Abstract Part 1, Moscow, 1994; siehe auch Fussnote 13
15 Cornelia Hesse: Pers. Communication; ihr neues Buch erscheint 1998
16 W.F. Morgan, J.P. Day, M.I. Kaplan, E.M. McGhee & C.L. Limoli: Genomic instability induced by ionizing radiation. Radiation
Research Vol 146, p. 245-258, 1996
17 dito
Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl
Nach dem Tschernobyl-Unfall traten in Weissrussland und der Ukraine zahlreiche kindliche
Schilddrüsenkrebsfälle auf. Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hat
diese Krebsepidemie untersucht und präsentiert hier die Ergebnisse.
A. Kofler, J. P. Bleuer, Th. Abelin*
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl fand im April 1986 statt. Schon vier Jahre später wurden aus der
Ukraine die ersten Fälle von kindlichem Schilddrüsenkarzinom gemeldet, die als mögliche Folge des
Unfalles diskutiert wurden.1 In der folgenden Zeit fand in der betroffenen Region ein stetiger Anstieg der
Inzidenz statt. In Weissrussland wuchs sie um über das Zwanzigfache der Ausgangswerte an. Bis 1995
stieg dort die Gesamtzahl der Fälle auf über 500. Diese Kinder waren fast ausnahmslos vor 1986 geboren
worden, unter später geborenen Kinder wurden bisher nur 7 Fälle registriert.
0
20
40
60
80
100
120
140
1986
1987
1988
1989
1990
1991
1992
1993
1994
1995
Jahr der Diagnose
Anzahl Fälle
Neudiagnostizierte Fälle von Schilddrüsenkarzinom
bei Kindern, die 1986 jünger als 15 Jahre alt waren
Abb 1: Tabelle Inzidenz der Kindlichen Schilddrüsenkarzinome bis 1995
Trotz steigender Fallzahlen wurde der kausale Zusammenhang zwischen der radioaktiven Belastung Weissrusslands
und der Krankheit vor allem am Anfang in Zweifel gezogen. Während externe radioaktive Strahlung als Ursache von
Schilddrüsenkarzinomen als erwiesen gilt, weiss man über die Wirkung von inkorporierten radioaktiven Isotopen
insbesondere auf Kleinkinder wenig.
Radioaktives Iod wird für mehrere medizinische Zwecke verwendet, so zum Beispiel bei der Behandlung
verschiedener Schilddrüsenerkrankungen oder als Tracersubstanz. Bei diesen PatientInnen wurde bisher keine
erhöhte Inzidenz von Schilddrüsenkarzinomen beobachtet. Aus Tierversuchen ergeben sich jedoch Hinweise auf die
Karzinogenität von radioaktivem Iod.2
In der Diskussion über die Ursachen der gestiegenen Inzidenz des kindlichen Schilddrüsenkarzinoms in
Weissrussland wurden folgende Argumente geäussert: Die wachsende Anzahl der Fälle sei im wesentlichen auf eine
gesteigerte Aufmerksamkeit und aktives Suchen zurückzuführen. Dabei würden einerseits latente Mikrokarzinome
entdeckt, andererseits würden nun auch jene Tumore registriert, die in den Jahren vor Tschernobyl nicht gemeldet
worden seien.
Ein Vergleich der Durchmesser der operativ entfernten Tumore und deren Stadien lassen jedoch diesen Sachverhalt
sehr unwahrscheinlich erscheinen. Auch weisen die offiziellen Statistiken für die Zeit vor 1986 mit westlichen
Ländern vergleichbare Inzidenzen auf.3
Die kurze Latenzzeit bis zum Auftreten der ersten Fälle gab ebenfalls Anlass, das Reaktorunglück als Ursache in
Zweifel zu ziehen. Zwar wurden auch schon früher Latenzzeiten zwischen Exposition und Ausbildung eines
Schilddrüsenkarzinoms von weniger als fünf Jahren beobachtet, aber noch nie ein so steiler Anstieg der
Inzidenzkurve. Möglicherweise ist dies aber nur Ausdruck eines stark erhöhten Erkrankungsrisikos und Vorbote einer
Epidemie noch grösseren Ausmasses.
Exakte Messungen fehlen
Weiter wurde darauf hingewiesen, dass in einigen Gegenden mit starker radioaktiver Belastung
vergleichsweise wenige Fälle von Schilddrüsenkarzinomen auftraten. Dieses Argument lässt jedoch
ausser acht, dass die Messungen der Radioaktivität vor allem Cäsium und nicht die für die Pathogenese
massgeblichen Iod-Isotope erfassten. Von diesen existieren nur wenige Messwerte, da sie kurze
Halbwertszeiten aufweisen, zudem wurden die Messungen mit einer gewissen Verspätung und nur an
wenigen Orten durchgeführt. Dadurch hat man die Möglichkeit einer ausführlichen Dokumentation
verpasst.
Hinweise auf den ursächlichen Zusammenhang des Reaktorunfalles mit den Schilddrüsenkarzinomen bei
Kindern ergeben sich aus der geographischen Verteilung, wobei zunächst die sehr hohen Inzidenzen in
der Grenzregion nahe bei Tschernobyl auffallen. Eine Möglichkeit, um dies genauer untersuchen zu
können, stellt das Kriging dar, eine Methode, die aus der Geostatistik stammt und dort verwendet wird, um
beispielsweise die Verteilung von Bodenschätzen abzuschätzen. Dabei werden Werte zwischen den
verstreuten Messpunkten interpoliert; dies erlaubt eine Kartographie, auch wenn nur eine beschränkte
Anzahl Messungen vorliegt. Die derart erzeugte Karte der Inzidenz des kindlichen Schilddrüsenkarzinoms
weist eine grosse Ähnlichkeit mit der offiziellen Karte der Belastung mit Iod-131 auf. Zwar muss man
diese Karte mit einigen Vorbehalten betrachten, da sie auf einer Dosisrekonstruktion beruht, welche die
Cäsium-Messungen verwendet und deren Methode nicht veröffentlicht wurde. Jedoch wurde sie publiziert,
bevor die Verteilung der Schilddrüsenkarzinome bekannt wurde, sodass eine Beeinflussung durch diese
ausgeschlossen werden kann.4
Hilfe benötigt Forschung
Insgesamt lässt sich heute sagen, dass die stark gestiegene Inzidenz des kindlichen
Schilddrüsenkarzinoms in Weissrussland mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine Folge der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl angesehen werden kann. Der weitere Verlauf der Epidemie ist nur
schwer abzuschätzen, da Erfahrungen mit derartigen Ereignissen fehlen. Dies zeigt die Wichtigkeit der
weiteren Forschung, nicht nur, um neue Erkenntnisse über die Auswirkungen von niedrig dosierter
Strahlung zu gewinnen, sondern auch, um der Bevölkerung konkret zu helfen. Beispielsweise können so
bei Screening-Programmen die beschränkten Mittel effizient eingesetzt werden, indem man sich auf die
am stärksten betroffenen Regionen und Altersgruppen konzentriert.
A. Kofler, J. P. Bleuer, Th. Abelin, Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern,
Finkelhubelweg 11, 3012 Bern (WHO Collaborating Centre for Epidemiology of Radiation and Thyroid
Disease). Die Autoren danken dem Bundesamt f‘ür Gesundheit für die finanzielle Unterstützung.
1 Prisyazhiuk A, Pjatak O, Buzanov VA, Reeves GK, Beral V. Cancer in Ukraine, post-Chernobyl. Lancet 1991;338:1334-5.
2 Thyroid Cancer in Children living near Chernobyl Expert panel report on the consequences of the Chernobyl accident Edited by
Williams D, Pinchera A, Karaouglou, Chadwick KH Commission of the European Communities, Brüssel 1993
3 Abelin T, Averkin JI, Egger M,Egloff B, Furmanchuk AW,Gurnter F, Korotkevich JA, Marx A, Matveyenko II, Okeanov OE, Ruchti
C, Schäppi W.
Thyroid cancer in Belarus post-Chernobyl: Improved detection or increased incidence? Soz. u. Präventivmedizin 1994; 39: 189 -
197
4 Bleuer JP, Dubois G, Prudyvus IS, Maignan M, Averkin JI, Krivoruchko KA, Abelin T. Analysis of spatial correlation of radioactive
iodine deposition and thyroid cancer occurrence in Belarus post-Chernobyl Health effects of low dose radiation British Nuclear
Energy Society, London 1997

Nutzbringende Strahlung
Die Nukleardiagnostik ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Doch dazu
benötigt sie Radionuklide und produziert damit geringe Mengen radioaktiven
Abfall.
Prof. Dr. med. A. Nidecker ist Radiologe und führt in Basel ein Röntgeninstitut; Untere Rebgasse 18, 4058 Basel.
Das Fach der Nuklearmedizin konzentriert sich in den meisten Fällen auf das Erkennen beziehungsweise
die Diagnostik bestimmter Erkrankungen mittels radioaktiver Substanzen, sogenannter Radiopharmaka.
Bei der nuklearmedizinischen Diagnostik wird ein kurzlebiges Radiopharmakon – das heisst eines, das nur
wenige Stunden aktiv ist – in den Körper des Patienten injiziert. Anschliessend kann man mit einem
empfindlichen Diagnoseinstrument (der Gammakamera) die Verteilung des Radiopharmakons in den
Geweben prüfen.
Herzstück der Gammakamera bilden die Szintillationskristalle, welche die aus dem Körper des Patienten
eintreffenden Gammaquanten in Blitze oder Szintillationen verwandeln, weshalb dieses Diagnoseverfahren
auch «Szintigraphie» genannt wird.
Radiopharmaka bestehen aus einer radioaktiven Substanz und einem Trägermolekül. Letzteres bestimmt
in erster Linie, wo sich die betreffende Substanz im Körper ansammelt. Dies kann beispielsweise im
Knochen, im Herz, in der Schilddrüse, in den Nieren, Lungen oder im Gehirn sein. Am häufigsten
verwendet die moderne nuklearmedizinische Diagnostik als Radionuklid ein Technetium-Isotop, das eine
Halbwertszeit von sechs Stunden aufweist.
Die Szintigraphie stellt ein ergänzendes Verfahren zur Röntgendiagnostik dar: Röntgenaufnahmen stellen
die Form und Anatomie der Organe dar, die Szintigraphie macht hingegen deren Funktion sichtbar.
Klinische Anwendung
Viele Erkrankungen können im Frühstadium oft nur szintigraphisch erfasst werden, weshalb die
nuklearmedizinische Diagnostik aus der modernen Radiologie nicht mehr wegzudenken ist. So werden
nuklearmedizinische Bilder benötigt, um beispielsweise festzustellen, wie weit sich ein Tumor ausgebreitet
hat; man kann aber auch bei einer Lungenembolie das Blutgerinnsel in der Lunge beobachten oder die
Durchblutung des Gehirns respektive der Nieren kontrollieren oder bestimmte Knoten in der Schilddrüse
typisieren.
Die Nuklearmedizin hat sich aber auch bei der Diagnostik von Herzdurchblutungsstörungen bewährt.
Versteckte, weil mittels Röntgenbildern nicht erfassbare Überlastungszustände des Skeletts oder gar
Ermüdungsbrüche lassen sich szintigraphisch ebenfalls gut erfassen.
Seltener kommt die Nuklearmedizin auch bei der Behandlung von Erkrankungen zum Zug: So kann eine
Überfunktion der Schilddrüse gelegentlich mittels einer Radioiodtherapie angegangen und
Knochenmetastasen können unter Umständen mit Radiophosphor behandelt werden.
Produktion von Radionukliden
Bei Radionukliden oder Isotopen handelt es sich um Variationen eines bestimmten chemischen Elements,
erklärbar durch deren unterschiedliche Anzahl von Neutronen im Kern. Nuklide können stabil oder instabil
sein. Instabile Isotope teilen und verwandeln sich dabei in andere chemische Elemente; bei diesem
Spaltungsprozess wird radioaktive Strahlung freigesetzt. Es gibt natürliche Radionuklide – wie zum
Beispiel Uran-, Thorium- oder Kaliumisotope – sowie künstlich erzeugte. Die künstlichen Radionuklide
kann man produzieren, indem man stabile Nuklide in einem Kernreaktor mit Neutronen, Protonen,
Alphateilchen oder schweren Ionen bestrahlt.
Instabile Nuklide weisen unterschiedlich lange physikalische Halbwertszeiten (HWZ) auf, die von einigen
Sekunden bis zu Jahrtausenden dauern können. Daneben gibt es aber auch die biologische Halbwertszeit;
dies ist die Zeit, die der Körper normalerweise braucht, um die Hälfte der Radionuklide, die sich im
Organismus befinden, auszuscheiden.
Die physikalische HWZ muss zusammen mit der biologischen HWZ der Trägersubstanz berücksichtigt
werden – daraus resultiert dann die sogenannte effektive Halbwertszeit, welche bestimmt, wie lange ein
Radiopharmakon im Körper aktiv bleibt und für die Untersuchungen genutzt werden kann, aber auch wie
lange die Strahlenbelastung andauert.
Da die Strahlenbelastung des Organismus möglichst gering sein sollte, haben kurzlebige Radionuklide in
der Nuklearmedizin eine besondere Bedeutung. Sie lassen sich im Cyclotron, in einem Kernreaktor oder
durch «Elution» (Auswaschung) in einem radioaktiven Generator erzeugen. In diesem Generator befindet
sich eine langlebige Muttersubstanz, die ein kurzlebiges Tochternuklid liefert. Am häufigsten werden
Molybdän-Generatoren (Molybdän-99) verwendet, welche als Tochternuklide das oft verwendete
Technetium-99 liefern. Die Generatoren – thermosflaschengrosse Behälter, die man auch «radioaktive
Kühe» nennt – werden zusammen mit der Muttersubstanz kommerziell vertrieben und in
nuklearmedizinischen Abteilungen oder Instituten im Abonnement (z.B. wöchentlich) angeliefert.
Das Technetium-Eluat wird anschliessend zur Markierung der Trägersubstanz verwendet, welche in Form
eines Kits zur Verfügung steht. Daraus entsteht schliesslich das Radiopharmakon respektive die Substanz,
welche zur Diagnose benötigt wird.
Strahlenbelastung und Strahlenschutz
Die Nuklearmedizin hat trotz neuerer bildgebender Verfahren in der Radiologie – wie die Computer- und
Magnetresonanztomographie – in den vergangenen Jahren ihren Platz in der Diagnostik behalten.
Weltweit werden in den reichen Ländern Hunderttausende von Untersuchungen jährlich durchgeführt.
Folgende Tabelle gibt Auskunft über die Strahlenbelastung durch einige der gängigen
nuklearmedizinischen Untersuchungen im Vergleich zu den empfangenen Dosen durch
Röntgenuntersuchungen:
Untersuchung Effektive
Aequivalentdosis1
Szintigraphie:
Hirn 5 mSv
Leber 1 mSv
Knochen 4 mSv
Schilddrüsen 0.8 mSv
Röntgenbild:
Thorax 0.05 mSv
Schädel 0.15 mSv
Computertomographie:
Abdomen 2.6 mSv
Thorax 4.8 mSv
Kontrastdarstellgung:
Magendarm-Trakt 3.8 mSv
Dickdarm 7.7 mSv
Zum Vergleich:
Jahresgrenzwert für beruflich
strahlenexponierte Personen 20 mSv
Jahresgrenzwert für die Allgemeinbevölkerung
1 mSv
Die angegebenen Zahlenwerte sind Durchschnittswerte. Das Spektrum der Strahlenbelastung ist bei den
Szintigraphien nicht so gross wie bei den Röntgenverfahren, weil gewöhnlich immer wieder die gleichen,
international als adäquat erachteten Quantitäten der Radiopharmaka appliziert werden. Unterschiedliche
Strahlenbelastungen der PatientInnen treten deshalb auf, weil jeder Mensch die Radiopharmaka
unterschiedlich schnell abbaut und ausscheidet, so dass die radioaktiven Substanzen je nachdem länger
oder kürzer im Körper verweilen.
Bezüglich Strahlenschutz muss bei der Verwendung radioaktiver Substanzen sowohl der Patient, als auch
das Personal berücksichtigt werden. Immer muss das Risiko der nuklearmedizinischen Untersuchung dem
Nutzen beziehungsweise der erwarteten Aussage gegenübergestellt werden. Massgeblich für den
Strahlenschutz bei der medizinischen Anwendung radioaktiver Stoffe ist in der Schweiz die Strahlenschutzverordnung.
2 Strahlenschutzmassnahmen sind streng und betreffen einerseits bauliche
Massnahmen in den Untersuchungsräumen, andrerseits auch Transport, Aufbewahrung und Verwendung
der Radiopharmaka vor und während der Untersuchungen. Grundsätzlich werden nuklearmedizinische
Untersuchungen nur von speziell geschultem, medizinisch-technischem Röntgenpersonal durchgeführt
und die Untersuchungsresultate durchwegs von NuklearmedizinerInnen und RadiologInnen interpretiert.
Radioaktive Abfälle aus der medizinischen Diagnostik
Radioaktive Abfälle werden in radioaktive Abluft, flüssige und feste, aber auch in lang- und kurzlebige
radioaktive Abfälle unterteilt. Dabei werden verschiedene Kategorien unterschieden3:
1. Die hochaktiven Abfälle aus kommerziellen und (bsp. in den USA) militärischen Anlagen.
2. Die transuranen Abfälle (hauptsächlich Alphastrahler) aus der militärischen Produktion.
3. Die Minenabfälle aus dem Uranerzabbau.
4. Die schwach- und mittelaktiven Abfälle aus der kommerziellen Kernenergienutzung, der
Forschung und der Medizin.
In der Schweiz wird der Gewichtsanteil hochaktiver Abfälle als sehr klein (12 Tonnen pro Jahr) gegenüber
den schwach- und mittelaktiven Abfälle (735 Tonnen jährlich) angegeben.4 Aus der medizinischen
Diagnostik fallen nur schwachaktive Abfälle (gebrauchte Molybdän-99-Generatoren, kontaminierte
Handschuhe, Lappen, Spritzen etc.) an, die jedoch in Volumen, vor allem aber bezüglich ihrer Aktivität nur
einen sehr geringen Anteil aller schwachaktiven Abfälle ausmachen: Im Jahr 2033 – wenn die heute noch
laufenden Reaktoren abgebrochen sind und endgelagert werden müssen – wird die Medizin zusammen
mit der Forschung und der Industrie lediglich 0,03 Prozent zum insgesamt anfallenden Strahleninventar in
der Schweiz beisteuern.5
Ähnlich sieht es auch in den USA aus. Dort stammen ebenfalls die allergrössten Abfallmengen sowohl in
Volumen als auch in Radioaktivität aus der kommerziellen Kernenergienutzung, der
Atomwaffenproduktion sowie dem Uranerzabbau. Es wurden in den USA durch die Nuclear Regulatory
Commission (NRC) in den vergangenen Jahrzehnten über 20 000 Lizenzen zur Herstellung und zum
kommerziellen Gebrauch radioaktiver Substanzen ausgestellt. Die meisten dieser Betriebe (Spitäler,
Radionuklidhersteller, Forschungsbetriebe) produzieren jedoch «low-level waste», niedrigaktive Abfälle.
Von diesen kommerziellen Betrieben, welche schwachaktive Abfälle erzeugen, ist die AKW-Industrie mit
ca. 70 Prozent des Volumens und 95 Prozent der Radioaktivität in Curie bei weitem die grösste Quelle.6
1 Aus: Shields RA, Lawson RS. Effective dose equivalent. Nuclear Medicine Communications, 8 (851 - 855), 1987
2 StSG 814.50 und StSV 814.501, 1991
3 Aus: Makhijani A, Saleska S. High-level Dollars, low-level Sense - A critique of present policy for the Management of long-lived
radioactive Waste and Discussion of an Alternative Approach
4 Radioaktive Abfälle unter Kontrolle. Informationsstelle für Elektrizitätsanwendung (INFEL) des Verbands Schweizerischer
Elektrizitätswerke (VSE)
5 Die Daten basieren auf einer Berechnung von Heini Glauser, SES, 1995
6 DOE, 1990d. US Dept of Energy. Integrated Data Base for 1990: US spent fuel and radioactive waste inventories, projections
and characteristics . DOE/RW-0006, Rev. 6

Bankrotterklärung der Plutoniumwirtschaft
Jedes Atomkraftwerk, das MOX-Brennstoff einsetzt, ist ein Lager von direkt waffenfähigem
Plutonium, wie eine neue, internationale Studie konstatiert. In der Schweiz betrifft dies die
Atomkraftwerke Beznau I und II sowie Gösgen
Mycle Schneider
Mycle Schneider ist Direktor von WISE-Paris und erhielt 1997 den alternativen Nobelpreis (WISE-Paris, 31-33 rue de la colonie, F-
75013 Paris, Tel: +33-1-45 65 47 93, Fax: +33-1-45 80 48 58).
Es ist, als sei ein 45 Jahre währender Traum zu Ende gegangen.
Am 2. Februar 1998 hat die französische Regierung den Schnellen Brüter Superphénix im Rhonetal
endgültig zurück in die Asche geschickt. Die energetische Fatamorgana der Brutreaktoren begann am 20.
Dezember 1951: An diesem Tag erzeugte der Experimental Breeder Reactor No. 1 (EBR-1) im USamerikanischen
Idaho Falls als weltweit erstes Atomkraftwerk Strom und brachte vier 200-Watt-
Glühbirnen zum Leuchten. Die Faszination der Technokraten war verständlich und liess sich ohne
Schwierigkeiten auf die Politiker übertragen. Schliesslich sollten diese wundersamen Maschinen mehr
Plutonium erzeugen, als sie zur Energieproduktion verbrauchen – ein energetisches Perpetuum Mobile.
Während 1976/77 die Schlägertrupps der Bereitschaftspolizei CRS wiederholt in Creys-Malville den Weg
für die Baumaschinen gegen den erbitterten Widerstand der Bevölkerung freiprügelten, verkündete der
Chef des Atomenergiekommissariats das Ergebnis seines Blicks in die Kristallkugel: Bis zum
Jahrhundertwechsel sei weltweit mit 540 Kraftwerken vom Typ Superphénix zu rechnen. Parallel dazu
errechnete die Nuclear Energy Agency der OECD, dass bis zum Jahr 2000 allein in ihren damals 24
Mitgliedländern weit über 1 000 herkömmliche Reaktoren in Betrieb sein werden. Man sprach von
bevorstehenden schweren Versorgungsengpässen und einer entsprechenden Verteuerung des
Natururans.
Doch es kam anders. Die Atomeuphorie war in den USA bereits verflogen, als es in Westeuropa erst
losging. Die letzte, nicht stornierte Bestellung eines amerikanischen AKW datiert vom Oktober 1973.
Heute sind in der OECD 328 AKW in Betrieb, Tendenz fallend – also nicht einmal ein Drittel der erwarteten
Meiler. Statt ins Uferlose zu steigen, purzelte der Uranpreis von einem historischen Tief ins andere. In den
Bereichen Konversion und Anreicherung von Uran entstanden gigantische Überkapazitäten.
Der Superphénix von Creys-Malville ist der einzige, jemals fertiggestellte Brutreaktor der anvisierten
industriellen Grössenordnung von 1 200 Megawatt (MW). Am Heiligabend 1996, genau 45 Jahre und vier
Tage nachdem der EBR-1 die erste atomare Kilowattstunde in Idaho produziert hatte, wurde der
Superphénix für einen «geplanten Stillstand» – für Reparaturen und Umbauten, die sechs Monate dauern
sollten – vom Netz genommen. Niemand ahnte, dass die zwei gigantischen 600-MW-Turbinen sich nie
wieder drehen sollten. Doch im Februar 1997 kassierte das höchste französische Gericht, der Conseil
d’Etat, die Betriebsgenehmigung des Brüters. Die Regierung hatte die Bestimmung des Reaktors allzu
leichtfertig von Stromproduktion auf Forschung umgeschrieben.
Mindestens 15 Milliarden verloren
Im März 1997 verabschiedeten dann die Sozialistische Partei und die Grünen eine gemeinsame Plattform
für die unerwarteten Neuwahlen, in der das Abschalten des Brüters ganz oben stand. Im Juni 1997
bestätigte der frischgewählte Premier Lionel Jospin die «Aufgabe» des Superphénix. Dieser Begriff –
«l’abandon» im Französischen – führte schnell zu Spekulationen. Damit sei nicht ausgeschlossen, hiess
es, den Reaktor noch einmal anzuwerfen, und sei es nur, um den Restbrennstoff zu nutzen. Erst die
interministerielle Erklärung vom Februar 1998 machte dem Spuk ein endgültiges Ende: Der Brüter wird
definitiv stillgelegt und abgebrochen.
Das Erwachen ist bitter. Laut Berechnungen des Cour des Comptes von 1996 hat das Abenteuer
Superphénix ca. 60 Milliarden französische Francs (ca. 15 Millarden Schweizer Franken) verschlungen.
Diese Rechnung ist zweifellos noch grob unterschätzt. Sie veranschlagt für den Abriss weniger als fünf
Milliarden Francs, kaum mehr, als die in Frankreich – aus der Luft gegriffenen – für herkömmliche
Kraftwerke angesetzten 15 Prozent der reinen Investitionskosten.
Die ersten Analysen haben freilich gezeigt, dass die Betreiber für diese ultra-moderne Anlage nicht einmal
ein Abschaltverfahren entwickelt haben. So bleibt vorerst ungeklärt, wie die rund 4 500 Tonnen Natrium
sicher ausgeladen und entsorgt werden sollen. Im Falle des deutschen Brutreaktors in Kalkar, der nie mit
Brennstoff beladen wurde und dessen Primärnatrium deshalb auch nie kontaminiert war, dauerten
Entladung und Abtransport etwa zwei Jahre. In Malville ist etwa das Fünffache der in Kalkar behandelten
Natriummenge zu entsorgen.
Noch offen ist auch die Frage, wohin der bestrahlte Brennstoff des Superphénix verbracht und wie mit
einem bereits hergestellten Zweitkern, der weitere sechs Tonnen unbestrahltes Plutonium enthält, zu
verfahren ist. Intern gibt die Betreiberfirma NERSA unumwunden zu, dass es keinen Anreiz für die
aufwendige Abtrennung des in den Brennstoffen – bestrahlt oder unbestrahlt – befindlichen Plutoniums
gibt. So wird der Grundgedanke des Plutoniumbrütersystems vielleicht gänzlich ad absurdum geführt und
der bestrahlte Brennstoff der direkten Endlagerung zugeführt.
Gewaltige Plutoniumberge
Kein Wunder, mit atemberaubender Geschwindigkeit häufen sich in Westeuropa gewaltige
Plutoniumberge an. Während der Ablauf der Geschichte sich nicht nach den Kristallkugelvisionen der
Atomindustrie richtete, haben die staatlichen Nuklearunternehmen – Cogema in Frankreich und BNFL in
Britannien – den Bau gigantischer Plutoniumfabriken in La Hague (F) und im Sellafield (GB) unbeirrt
fortgesetzt. Erst 1989/90 ging in La Hague die Anlagen UP2-800 und UP3 in Betrieb, die die ursprüngliche
Kapazität von 400 auf etwa 1600 Jahrestonnen erhöhten. Die neue 800-Tonnen-Anlage THORP in
Sellafield startete gar erst 1994; da war der Plutoniumbestand in Britannien bereits auf über 40 Tonnen
angewachsen. Die Hauptrolle im Plutoniumpoker spielen neben Frankreich und Britannien vor allem
Deutschland und Japan; sie bestreiten etwa 80 Prozent des ausländischen Auftragvolumens von Cogema
und BNFL.
Als die Brüterpleite Anfang der achtziger Jahre ruchbar wurde, entwickelten die Vertreter der
Plutoniumwirtschaft das Übergangskonzept «MOX»: Uran-Plutonium-Mischoxydbrennstoff, kurz MOX,
sollte in Leichtwasserreaktoren eingesetzt werden. Das abgetrennte Plutonium, das in La Hague und
Sellafield anfiel, sollte auf diese Weise absorbiert werden; man wollte so die Lücke füllen, bis die Brüter
kommen. Die bestehenden milliardenschweren Verträge müssten nicht in Frage gestellt, die
Plutoniumfabriken könnten zu Ende gebaut, das Gesicht der Atomstrategen gewahrt werden. So der Plan.
Die Brüterpleite wurde jedoch nie öffentlich zugegeben, die MOX-Strategie niemals öffentlich diskutiert.
Letztere erweist sich heute als perfider Doppel-Trick: Die MOX-Lösung heisst es, erlaube das
schwerwiegende Problem der Plutoniumberge zu beseitigen – und erlaubt gleichzeitig, das Problem weiter
zu verschärfen. Die Verschärfung des Problems bedeutet, dass zahlreiche Atommeiler auch noch weit in
die Zukunft hinein betrieben werden müssen, denn um das Plutonium zurückzuführen, bedarf es natürlich
eines gewissen Bestands an Reaktoren. Dies gilt für fast alle Länder, die heute
Wiederaufarbeitungsverträge haben.
Es ist klar, dass in keinem westeuropäischen Land ein neues Atomkraftwerk gebaut werden wird. Es geht
nur noch um den «Bestandsschutz» laufender Meiler, ob in Deutschland, Holland, Schweden oder in der
Schweiz.
Mit der MOX-Strategie versuchen die Stromunternehmen die betroffenen Länder auch langfristig vor
vollendete Tatsachen zu stellen. Dies, obwohl die MOX-Produktion und -Nutzung sich eindeutig nicht nur
als Plutoniumfalle für Ausstiegswillige, sondern als eindeutiger Irrweg entpuppt hat.
Vernichtende MOX-Kritik
Ende letzten Jahres hat die Projektgruppe International MOX Assessment (IMA) unter der gemeinsamen
Leitung von Dr. Jinzaburo Takagi, Direktor des Tokioter Citizens’ Nuclear Information Centers, und dem
Autor in Tokio, Paris und London ihren Abschlussbericht* vorgelegt. An dem zweijährigen IMA-Projekt
haben 15 Wissenschaftler aus sechs Ländern teilgenommen, darunter der ehemalige Direktor des
Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI Frank Barnaby, der Leiter des Washingtoner Nuclear
Control Institutes Paul Leventhal und der stellvertretende Chef der russischen Kontrollbehörde
Gosatomnadzor Alexander Dmitriew. Die 335-Seiten-Studie ist eine vernichtende Kritik der Rückführung
von Plutonium in herkömmliche Reaktoren: Der IMA-Bericht stellt abschliessend fest, dass «die Nachteile
des Plutonium-MOX-Pfades gegenüber der direkten Endlagerung überwältigend sind, ob auf der Ebene
industrieller, strategischer, sicherheits- und abfalltechnischer, oder gesellschaftlicher Implikationen».
Die MOX-Strategie ändert nichts an den Grundübeln und Auswüchsen der Plutoniumwirtschaft. Im
Gegenteil :
• Anfang 1997, zehn Jahre nach Beginn der industriellen MOX-Nutzung in französischen Reaktoren, lag
der Plutoniumbestand in Frankreich und England zusammen bei etwa 120 Tonnen, etwa drei Viertel des
weltweiten «zivilen» Bestands. Diese Halde wächst jährlich, trotz MOX-Programmen, um etwa 15 Tonnen
an. Im Jahr 2001 wird der «zivile» Bestand den militärischen Bestand voraussichtlich bereits übertreffen.
• Weniger als 10 Kilogramm Plutonium sind nötig für den Bau eines Atomsprengkörpers (die o.g. Menge
reicht demnach für etwa 12 000 Bomben).
• Die tödliche Dosis für die Entstehung von Lungenkrebs wird bereits durch die Inhalation von Plutonium
im Mikrogrammbereich erreicht (die o.g. Menge reicht theoretisch, um die Weltbevölkerung 10 000 mal zu
vergiften).
Laien können mit MOX Bomben bauen
Der IMA-Bericht veröffentlicht darüber hinaus zum ersten Mal die atemberaubende Beurteilung des
Proliferationsrisikos von Reaktorplutonium durch den amerikanischen Wissenschaftler Matthew Bunn,
stellvertretender Direktor des Programms für Wissenschaft, Technologie und Staatspolitik der John F.
Kennedy School of Government der Harvard Universität. Bunn leitete die grossangelegte Untersuchung
der National Academy of Sciences zur Entsorgung amerikanischen Waffenplutoniums. Bunns Forschung
erlaubte nicht nur Zugang zu bisher geheimgehaltenen Dokumenten «von beispielloser Detailliertheit zu
diesem Thema», sondern auch Gespräche mit Waffendesignern aller Atomstaaten. Sein Fazit ist in der
Tat selbst für Fachleute von geradezu brutaler Klarheit: Für einen Laien würde die Herstellung eines
groben Atomsprengsatzes mit reaktorgrädigem Plutonium «nicht mehr Spezialisierung bedürfen als der
Bau einer Bombe mit waffengrädigem Plutonium». Ausserdem erklärte ein russischer Waffendesigner,
dass es «unter gewissen Umständen leichter sei, für einen Laien mit reaktorgrädigem Plutonium eine
Bombe zu bauen (da kein Neutronengenerator nötig wäre)».
Die Mär vom «schlechten» Plutonium für den Bombenbau ist hiermit endgültig begraben. Ausserdem
lassen die Untersuchungen von Frank Barnaby im Rahmen des IMA-Projekts keinen Zweifel an der
Tatsache, dass frischer MOX-Brennstoff wie abgetrenntes Plutonium zu beurteilen ist, da seine
Herauslösung keinerlei technische Schwierigkeiten bereiten würde. Damit wird jeder MOX-lagernde
Standort, also auch jeder betroffene Reaktor, zu einem Lager von direkt waffenfähigem Material. Ein
Alptraum für die Vertreter von Staat und Industrie, die für den physischen Schutz von Atomtransporten
verantwortlich sind.
Den Plutoniumpoker beenden
Die IMA Studie belegt, dass MOX-Brennstoff ausserdem die Betriebssicherheitsmarge der AKW
verringert, die Konsequenzen eines hypothetischen Unfalls verschlimmert, das Problem des abgebrannten
Brennstoffs verschärft und die Brennstoffkosten erheblich steigert. Es ist erstaunlich, mit welcher
Leichtigkeit die MOX-Option bisher von den westlichen Demokratien – ohne jegliche Rechtfertigung ihrer
Promotoren – hingenommen worden ist. Dramatisch ist die Tatsache, dass die Plutoniumindustrie es
offensichtlich bisher verstanden hat, ihre Strategie als Fatalität zu verkaufen. Die Politik – heute meist weit
davon entfernt, Plutonium als Idealsubstanz verteidigen zu wollen – sieht sich unfähig, das Zepter wieder
in die Hand zu nehmen.
Und doch, wenn wir unseren Kindern eine andere Zukunft hinterlassen wollen, als das Krisenmanagement
des Erbes unserer Eltern, müssen wir die Optionen wieder eröffnen. Es kann nicht angehen, dass
weiterhin Schadensbegrenzung der Entscheidungen von gestern über Kenntisse und Wertvorstellungen
von heute siegt. Plutonium ist ein menschgemachtes Problem. Die Effizienz der Nutzung seines
Energiepotentials hat sich in grauenhafter Form auf die Nagasakibombe beschränkt. Alle anderen
Versuche sind definitiv gescheitert. Der Nutzen ist weit davon entfernt, die Kosten zu decken. Die
Plutoniumberge sollten deshalb der am wenigsten schlechten Lösung zugeführt werden: Die
Konditionierung mit anderem hochaktiven Müll zu einem «endlagergerechten Gebinde». Was immer das
heissen mag.
Jinzaburo Takagi et al.: «Comprehensive Social Impact Assessment of MOX Use in Light Water Reactors», Citizens’ Nuclear
Information Center, Tokio, November 1997, 335 Seiten; zu beziehen auf Rechnung bei WISE-Paris, 400 fF (160 fF für NGOs) +
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